Musik | Reisen mk am 18. August 2007 12:08 pm
Sziget 2007
Diese Tage war ich mal wieder in Budapest und habe zusammen mit drei Freunden und Campingbus das Sziget-Festival besucht. Vorweg: Es hat sich absolut gelohnt. Zwar meinten die erfahreneren Sziget-Jünger, dass die Preise doch stark zugelegt hätten, aber im Vergleich zu den Rockfestivals in Deutschland ist es immer noch sehr günstig, und man bekommt wirklich eine ganze Menge geboten auf den zehn Bühnen und Zelten sowie den ‘zig kleineren Schauplätzen drumherum. Zumal man ja auch die Chance bekommt, gute Bands zu sehen, die in Westeuropa wohl nie zu Gesicht bekommt. (Vorausgesetzt natürlich, man verpennt deren Auftritte nicht, was bei mir leider des öfteren der Fall war.) Man sollte daher auf jeden Fall auch öfters bei den kleineren Bühnen wie beispielsweise beim Roma-Zelt vorbeischauen. Es lohnt sich.
Bereits am Vortag des Festivals waren die Camping- und Zeltplätze recht schnell belegt, und wir hatten Glück, einen guten Platz zu finden mit netten Nachbarn aus Hamburg und Tilburg/NL. Den Tag konnte man nutzen, um in Ruhe die Obudai-Insel zu erforschen und sich die einzelnen Locations anzusehen. An einzelnen Bühnen (z.B. Open Stage) spielten bereits Bands.
Während der folgenden sechs Tage Festival konnte ich mir doch eine ganze Menge Auftritte ansehen. Im Nachhinein ist es relativ schwierig, die vielen Eindrücke zu bündeln und wiederzugeben, das liegt an der Reizüberflutung und akutem Schlafmangel. Oder wie das ZELT Festivalblog über das Sziget schreibt:
Eine Woche Festival dröhnt mir durch den Kopf. Das Sziget ist eine schöne Veranstaltung, überall friedlich und an vielen Stellen liebevoll. Aber sie ist auch uferlos, riesig, überfordernd. Das ist wie mit Marzipantorte. Der Anblick entzückt, die ersten Bissen auch. Aber ganz bekäme man sie nicht hinunter.
Ich versuche es trotzdem mal:
Gocoo: Ein japanisches Percussionsensemble (das Didje zähle ich jetzt mal nicht mit) mit einer Menge Dampf, das dem Publikum ganz gut einheizen konnte
Mando Diao: Boten einen soliden Auftritt und gute Stimmung
Teletrip: Ungarische Nachwuchs-Elektropopband auf der Talentum Stage. (Überhaupt lohnt es sich sowieso, bei dieser Stage gelegentlich mal vorbeizuschauen.)
Manu Chao: Hatte erst kurz vor dem Festival zugesagt und war damit Pflichttermin. :-) Es gibt wenige Bands, die über ein ganzes Konzert lang die Stimmung so gut halten können. Daran ändern auch die beiden Stromausfälle auf der Hauptbühne nichts.
Ska Cubano: Musikalisch gut, hinter dem Son trat der Ska dabei aber stark zurück
Tinariwen: Das war mal wirklich interessant: Eine Touareg-Gruppe aus Mali, die in traditioneller Kleidung zu eher einfachen gesungenen Melodien eine Art Bluesrock spielte. Zwischendurch auch mit einem kurzen Ausflug in den französischen Hiphop.
Kaizers Orchestra: Gute Show, gute Songs, gute Stimmung
The Chemical Brothers: Der Top-Act für den Donnerstag begann superstark mit einer richtig guten optischen Bühnenshow, aber gegen Mitte kam nichts Neues mehr. TCB spielten ihre Tophits herunter und ließen sich nicht wirklich auf Experimente ein. Ich hatte vom Konzert das Gefühl, es würde so dahinplätschern und bin letztlich auch gegangen.
Mike Stern Band: Hat souverän den Abend wieder rausgerissen, es hat irre Spaß gemacht ihm und der Band zuzuhören und die Finger zu beobachten. Budapest hat übrigens eine gute Jazzszene, das ist mir schon letztes Jahr aufgefallen. Und das Publikum ist wesentlich jünger als in Deutschland, hier können offenbar auch viele Schüler bereits etwas mit Jazz anfangen. Mich würde ehrlich interessieren, woran das liegt.
Pink: War schon gut. Liegt es an mir oder war der Ton auffällig leise?
Dresch Quartet: Ungarische Jazzformation um Dresch Mihály, musikalisch feinfühlig, nicht zu verspielt.
The Hives: Ein wahrhaft geiles Konzert mit extrem guter Stimmung. Das Gehabe von Pelle Almqvist erinnert allerdings schon sehr an David Bowie. :-)
Nine Inch Nails: Richtig gut. Trent Reznor und Band haben dem Publikum gut eingeheizt, es war viel los auf der Bühne.
Sinéad O’Connor: Jup, die Frau hats drauf. Ein ausgereiftes, einfühlsames Konzert.
Sportfreunde Stiller: Nö, die zählen nicht. Die sind überall dabei. Die verfolgen mich. Boten einen wunderbaren, spaßigen Auftritt à la Fankurve vor einem ungefähr 95% deutschsprachigen Publikum.
Tool: Beinahe ebenso gut wie die Show von Nine Inch Nails. Man geht auf so ein Konzert allerdings mit hohen Erwartungen hin, wenn man schon ein paar mal Dream Theater live gesehen hat, da hört man etwas kritischer zu.
Leningrad: Gute Ska-Band mit ordentlich Druck. Zwei Sänger, jede Menge Blech und Percussion und in der Mitte ein großer dicker Rausschmeißertyp auf einem Klappstuhl, dessen Aufgabe in der Band mir nicht so ganz klar ist. Aber er kann gut Bierdosen mit seinem Schädel öffnen. :-)
Killers: Kurz reingehört, war schon ganz nett aber hat mich nicht so recht überzeugt, so dass ich mich einem Gulasch zuwendete.
Váczi Eszter és a Szörp: Eine Frontfrau mit leicht bluesiger Stimme und ihre Mannen füllen die Bühne des Jazz-Zeltes bis auf den letzten Millimeter und spielen Acidjazz. Zwei Mann Schlagzeug und Percussion, drei Mann Sax, Trompete und Posaune, E-Bass, Korg-Keyboard und Eszter in der Mitte. Sehens- und vor allem hörenswert.
Erik Truffaz Quartet feat. Ed Harcourt: Musikalisch gesehen war der Auftritt von Truffaz mit Abstand das Beste, das ich hier gesehen habe. Ich kann diese Band uneingeschränkt weiterempfehlen - ich habe noch nie einer Trompete so aufmerksam gelauscht wie hier. Schon zu Beginn des Auftritts war das Jazz-Zelt gesteckt voll und drum herum stand nochmal ein 10-Meter-Ring Menschen. Man hätte Truffaz eigentlich auch auf die Hauptbühne stellen können. Leider bekommt das Jazz-Zelt auf dem Sziget viel zu wenig Aufmerksamkeit, weil beim Aufteilen des Budgetkuchens diese Bühne als letzte drankommt.
Einen Auftritt muss ich noch besonders hervorheben: Nosfell! Das war bestimmt der abgefahrenste Auftritt, den ich je gesehen habe. Der Typ hat ein unheimliches Stimmspektrum, das von der Tonlage und dem Tabak-und-Whisky-Klang eines Tom Waits bis hinauf zu Höhen jenseits der höchsten Sopranen in meinem Chor reicht und dabei immer noch gut klingt. Viele Songs erhielten den Rhythmus zunächst über Beatbox-Einlagen, die taktweise geloopt wurden, dazu spielte Nosfell E-Gitarre und sang in Englisch, Französisch und der imaginären Sprache Klokobetz, zur Begleitung auf einem elektrischen Cello (Pierre Lebourgeois). Das haut einen um. Nosfell habe ich sicher nicht zum letzten Mal live gesehen. (Mit Ausdruckstanz habe ich nie viel anfangen können, aber auch das war dabei.)
Leider verpasst, weil sträflicherweise verschlafen: Gogol Bordello, Kispál és a Borz, Tankcsapda und insbesondere Etienne Mbappé.
Zu erwähnen wäre noch das Programmheft, das von der Zeitschrift Pesti Est kostenlos herausgegeben wurde und in mehreren Sprachen vorlag. Enthalten waren Bühnenübersichten und kurze Beschreibungen der meisten Acts, sowie eine Landkarte. Das Heft war echt gut, weil man sonst viele versteckte Angebote einfach nicht gefunden hätte.
Die englische Fassung enthielt überdies eine Rubrik “Useful Hungarian Expressions” mit einigen mehr oder weniger sinnvollen Phrasen. Einige markante Beispiele:
Where am I?
Hol vagyok?
Is this the concert or still the soundcheck?
Ez már a koncert, vagy még beállnak?
I have airconditioning in my tent. Let me show you!
Van légkondi a sátramban. Gyere, megmutatom.
Fazit: Das Sziget-Festival ist ein klasse Event, das man sich schon mal antun darf. Spätestens am dritten Tag gleicht die Óbudai/Hajógyári-Insel zwar einem Schlachtfeld (unabhängig davon hat irgendein Schweizer an der Donau eine alte Panzermine gefunden) und für die optimale Dixiklohygiene muss man schon die richtigen Zeiten abpassen, außerdem sollte man sich von kalten Duschen nicht abschrecken lassen - die machen wach. Wem das alles zuviel ist und wer mit Extremcamping nichts anfangen kann, der kann sich ja irgendwo in Budapest einquartieren. Wer München gewohnt ist, wird feststellen, dass Budapest gar nicht mal sooo teuer ist.